Mit einer Rasierklinge saß sie da, stumm weinend auf dem Teppich in ihrem Zimmer. Sie hatte ihm vertraut, ihm alles gegeben. Sie dachte er würde es wirklich ernst mit ihr meinen. Umso größer war dann der Schock als er sie verließ. Er ließ sie allein, mit ihrem Kummer, ihrem Schmerz. Sie schrieb hm lange Briefe, schickte sie jedoch nicht ab. Aus der Trauer um ihn wurde Hass. Blanker Hass. Sie begann ihn mehr als alles andere auf der Welt zu hassen.
Dafür, das er sie ausgenutzt hatte. Dafür, das er sie belogen hatte. Dafür, das er jetzt glücklich war, und sie allein. Allein, nur mit einer Rasierklinge in der Hand. Niemand bemerkte, wie schlecht es ihr ging. Sie versteckte ihre Trauer hinter einer Maske aus Fröhlichkeit. Doch es wurde immer schwerer für sie, diese Maske zu tragen. Hinter dem lachenden, fröhlichem Mädchen, das alle mochten, verbarg sich ein kleines Kind, dass schutzlos der Umwelt ausgeliefert war

Als sie den Arm entlang schnitt, fühlte sie keinen Schmerz, nur eine innere Leere. Sie wusste, es war falsch was sie tat, aber sie wusste sich nicht anders zu helfen. Sie betrachtete ihr Blut, das langsam den Arm hinab floss und in den Teppichboden sickerte. Sie dachte daran, dass ihre Mutter schimpfen würde. Der Teppich war teuer gewesen. Und doch, das Gefühl, das blut den Arm hinab fließen zu sehen, machte sie glücklich. Vielleicht würde ja auch er um sie weinen wenn sie tot wäre. Bei diesem Gedanken begann sie zu lächeln. Der Gedanke, das er um sie weinen könnte und sich vorwürfe machen würde faszinierte sie und tat ihr gut. Sie würde ihn leiden lassen, wie er sie hat leiden lassen. Sie lehnte sich gegen die Wand, war zu schwach geworden gerade zu sitzen. Dann schloss sie die Augen und gab sich dem Gefühl des hinab fließendem Blutes hin.

Ihre Eltern fanden sie, umgeben von ihrem Blut, an die Wand gelehnt. Den Kopf leicht gesenkt, als täte es ihr leid was sie getan hatte. Ihr Gesicht, gezeichnet von Tränenspuren, war blass. Ihre blauen Augen, die sonst glitzerten wenn sie einen anlachte, waren ausdruckslos und leer. Ihr Mund, sonst immer zu einem Lächeln verzogen, war schmal und geschlossen.

Es war zu spät, man konnte ihr nicht mehr helfen…

Nun bewacht ein Engel ihr Grab. Neben einem Foto von ihr, liegt eine rote Rose. Von einem Menschen dort hingelegt, der sich schwere Vorwürfe machte.

Auf dem weißen Marmor des Grabsteins steht in goldenen Lettern geschrieben

 

„Für unseren kleinen Engel, wir vergessen dich nie“

(Juni 2004)


Powered by 20six / MyBlog
Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung